Warum Nürnberg meinen Horizont erweiterte.

3 Bilder aus Nürnberg, Blogparade Raumzeichner

2006 war ich das erste Mal und nur für kurz in Nürnberg. Einem kurzen Besuch folgte ein langer. Als Berliner Gör, das noch nie die Nase über den Tellerrand gestreckt hat und alle anderen Städte auf der Welt für unwürdig hielt, war es wie Liebe auf den ersten Blick.

Nürnbergs neue Altstadt.

Nürnbergs Herz ist die neue Altstadt. Diese Altstadt ist allerdings gar nicht so alt, wie sie aussieht. Sie ist das Resultat wahrer Heimatliebe.
Nach dem zweiten Weltkrieg war Nürnberg in großen Teilen schrecklich zerstört. Da Nürnberg im Krieg eine wichtige Rolle gespielt hat, war es nur logisch, dass die Bomben nur so auf die schöne kleine Stadt im beschaulichen Franken regneten.

Die Bewohner Nürnbergs haben schon damals den Wert ihres Heimatgefühls erkannt und beschlossen, die Stadt wieder so aufzubauen, wie sie war. Sie nahmen die Trümmer, ergänzten um neues Material und errichteten ihre Stadt neu. Mehr dazu habe ich bereits in einem Beitrag über Nürnberg geschrieben.

Die Altstadt von Nürnberg wurde nach dem zweiten Weltkrieg fast komplett neu gebaut.

Dieser energische Wille zum Erhalt macht es uns heute möglich, die malerisch schöne Stadt zu besuchen.
Nürnbergs Kern ist ein undurchdringliches Gewusel aus Einbahnstraßen, aus denen es scheinbar kein Entrinnen gibt. Die Straßen sind mit Kopfsteinpflaster ausgelegt und führen steil bergauf und bergab. Ich kann nur empfehlen, die Altstadt zu Fuß zu begehen. Egal, wo man in der Altstadt wohnt, man kann alles locker zu Fuß erreichen. Ein Auto lohnt sich nur für den Großeinkauf am Wochenende, wenn überhaupt. Ich hatte in Nürnberg immer das Glück, sehr zentral zu wohnen und bin auf dem Heimweg an einigen kleinen Supermärkten vorbei gekommen.

Leben in Nürnberg

Dort hat sich auch einer meiner favorisierter Lebensstile entwickelt: Ein kurzer weg zum Arbeitsplatz. Ein Arbeitsplatz den ich liebe. Und ein Heimweg, der mich an Einkaufsmöglichkeiten vorbei führt, sodass ich täglich frische Lebensmittel kaufen konnte. Mein Weg hat mich übrigens (je nachdem wie ich es eingerichtet habe) auch über den Markt geführt, wo es dann wirklich alles in superfrisch gibt.

Allerdings ist Nürnberg eine der teuersten Orte, die ich bisher besucht habe. Ein 10qm-WG-Zimmer hat mich dort etwas über 200€ gekostet. (Dagegen sind die 30qm-1,5-Zimmer für 340€ in Kaiserslautern ein Witz.) Dafür habe ich allerdings auch direkt unter der Burg wohnen können. Das Auto stand die meiste Zeit herum und diente nur dazu, ab und zu nach Berlin bzw. zu meinem Freund in den 20km entfernten Ort zu fahren. Ich habe es also schon fast jeden Tag genutzt, aber eben nicht, um zur Arbeit zu müssen. Mein Weg zur Arbeit war geradezu idyllisch. Romantische kleine Pfade zwischen uralten Geschäften vorbei. Über kleine Brücken und am Wasser entlang.

Aufwändige Arbeiten aus Holz machen den ganz besonderen Charme dieser Stadt aus.

Herzlichkeit und Wertschätzung

Die Nürnberger haben mich allesamt sehr herzlich empfangen. Die mürrische Mine, die man aus Berlin kennt, gibt es dort fast gar nicht. Oder sie ist mir nicht begegnet. Zwar gab es natürlich auch mal schlechte Laune, Differenzen und Streitigkeiten, aber insgesamt klingt Fränkisch einfach immer netter, sogar wenn der dazugehörige Franke ziemlich bös drauf ist.

Was ich dort auch zum ersten Mal erlebt habe, war die Einstellung meiner Chefin. Als Berliner Abiturient auf Praktikumssuche ist man es gewöhnt, jeden Tag 8 Stunden zu malochen und dafür im schlimmsten Fall sogar noch Geld zu bezahlen. In Nürnberg allerdings wurde ich direkt mit den Worten empfangen, dass ich immerhin Arbeit verrichte und dafür auch Geld bekommen soll. Es waren zwar nur 400€, aber mit einem sehr spartanischem Lebensstil und einem Job im ansässigen Nachtclub hat es durchaus ausgereicht. Das Praktikantengeld hat meine Miete gezahlt und mir mein Essen finanziert, der Nebenjob von Donnerstag bis Sonntag hat dafür gesorgt, dass ich mir auch so mal ein bisschen was leisten konnte. Außerdem fällt dann die Versuchung weg, am Wochenende viel Geld auszugeben, wenn man jeden Abend um 19 Uhr im Club erscheint und erst um 6 Uhr Morgens wieder raus kommt.
Ich gebe zu, der Freitag war immer ziemlich hart, wenn ich um 6 aus der Arbeit raus kam und um 9 wieder im Büro war, aber ich war jung… na ihr versteht schon ;)

Monat für Monat in Nürnberg

Warst du auch schon mal in Nürnberg oder bist gar ein waschechter Nürnberger? Ich habe so viele tolle Erinnerungen an diese schöne Stadt, dass es mir ganz warm ums Herz wird, wenn ich nur an die Zeit zurück denke. In meinem ersten langfristigen Anlauf war ich rund sechs Monate in Nürnberg und habe mein neugieriges Näschen in so gut wie jede Gasse gesteckt. Durch die Arbeit bei den Denkmalpflegern und Architekten habe ich nicht nur die Denkmäler sondern auch die Stadt gut kennengelernt. Nürnberg hat mich auf zweierlei Weise verzaubert. Es hat mich von sich als Stadt überzeugt und mir die Augen für Baukultur und Altstädte geöffnet. Seit Nürnberg wuchs in mir der Wunsch mich mit Denkmalen und Baukultur zu beschäftigen. Ich wollte erhalten, schützen, helfen und vor allem: immer und immer mehr lernen und das Gelernte vermitteln.

Der Altstadtfreunde Nürnberg e.V. unterstützt sein geliebtes Nürnberg, wo es nur geht. Ein Grund, warum die Stadt noch so schön ist.

Nach den ersten sechs Monaten in Nürnberg, habe ich noch 3 Praktika von jeweils 2-3 Monate dort gemacht, die Stadt immer besser kennengelernt und mich dort schon fast einheimisch gefühlt. Es war wie ein Heimkommen, wenn ich wieder mit Sack und Pack dort angekommen bin und immer war im Hinterkopf verankert, dass ich bald wieder komme.

Mein letzter Besuch ist jetzt schon wieder viel zu lange her. Ich denke, ich sollte mal wieder für ein paar Monate nach Nürnberg ziehen und mich in das baukulturelle Getummel dort werfen.

Was ist deine Geschichte, die dich mit Nürnberg verbindet? Erzähl es mir in den Kommentaren.

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Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade von Frollein Keks zum Thema „3-Bilder-aus…“. Es war wirklich gar nicht so leicht, sich auf nur 3 Bilder zu reduzieren. In den bestimmt 12 Monaten, die ich dort war, habe ich Unmengen an Fotos gemacht… :D

Görlitz | Geliebtes Schmuckstück an der Neiße

Görlitz Reisebericht

Görlitz ist eine Stadt, die jemand so sehr liebt, dass er ihr jährlich eine Million D-Mark spendet. Und alle anderen mögen Görlitz auch, auch wenn sie etwas weniger spendabel sind.

Nach einer Woche Aufenthalt in Görlitz (Sachsen) wird aus den vielen Eindrücken ganz allmählich ein vages Gesamtbild eines städtischen und kulturellen Gefüges.

Bahnhof Görlitz

Ausgehend vom Bahnhof Görlitz in Richtung Altstadt entwickelt sich ein widersprüchliches Bild einer Stadt, die ihr baukulturelles Erbe liebt und schätzt und dennoch allerorten mit dem Zerfall zu kämpfen hat.
Wer den Bahnhof inmitten des pulsierenden Lebens der Stadt vermutet, irrt. An historisch wertiger Position am Ende einer langen, prunkvollen Sichtachse wirkt er bei näherer Betrachtung abgeschottet und vereinsamt. Eine wenig befahrene üppige Straße, die sicher ausreichend Platz für viele schmucke Kutschfuhrwerke geboten hat, ist inzwischen zerschnitten von Straßenbahnschienen. Als Fußgänger fühlt man sich ungewollt und abgeschnitten von der Stadt, die man besuchen möchte. Die wertigen Ausformungen im und am Bahnhof haben den Besucher zuerst glauben lassen, in eine einladende Stadt zu treten. Verlässt er die Bahnhofshalle in Richtung Stadt, sieht er sie in vermeintlich weiter Ferne und sein Blick sucht sogleich die strahlend gelben Taxen zu seiner Rechten. Die Schneise, die durch Schienen und PKW-Verkehr zwischen den Bahnhof und die Stadt geschlagen wird, erscheint nur allzu abweisend. Als wolle Görlitz vermeiden, dass man die Schönheit dieser Stadt doch noch entdecken kann.

Sog in die Stadt

Lässt man sich von der Sichtachse in die Stadt ziehen, säumen auf beiden Seiten verkommene, leerstehende Stadthäuser die Straße. Verlorene Sitzbänke stehen auf den breiten Gehwegen und der Verkehr ist so ruhig, dass man ohne Zögern über die Straßenbahnschienen läuft, während man von einer Straßenseite zur anderen wechselt, um die verstreuten schönen Fassaden zu betrachten.
‚Zu verkaufen‘ reiht sich neben ‚zu vermieten‘ und subversive Geschöpfe schrieben mit den Fingern die Frage in den Staub der Verbretterung, wann denn ‚ihr Merkur zugemacht‘ hätte. ‚Freier Wohnraum für alle‘ wird da gefordert während andere Häuser ihren braocken Schmuck stolz in die Frühjahrssonne recken.

Soziales Leben in der Stadt

Mit einem prunkvollen Portal, an dem sich Jugendstilschönheiten (oder doch ein anderer Stil?) sonnen, läd die Straußberg-Passage ein, zu flanieren und in den teuer anmutenden Läden viel hart erarbeitetes Geld zu lassen. Zugegeben, die Passage hat ihren Namen verdient und läd wirklich ein, hinein zu gehen. Romantisch anmutend recken sich in Reih und Glied die Ladenschilder in den Luftraum über den Köpfen und anmutig hängen grüne Banner von der Decke. Alles ist sauber und Lichtdurchflutet und trotzdem schafft es kein Laden, mein Interesse zu wecken.
Wieder raus und der Sichtachse weiter folgend erscheint das Café Central, das den Platz vor sich bemerkenswert gut nutzt. Tischgruppen mit Sonnenschirmen verteilen sich auf einen dreieckigen Platz zwischen Straßenbahnschienen und wirken doch so einladend, dass man sich fragt, wie sie das wohl hinbekommen haben. So ein unwirtlicher Ort mit Schienen und Straßen läd doch sonst auch nicht zum Verweilen ein. Hier schon.

Hohe-Str. / Christoph-Lüders-Str Görlitz

Manch ein Platz in Görlitz ist gesäumt von vielerlei schönen Fassaden. Die alte Post beispielsweise steht an einem wunderschönen Platz, der sogar im kühlen März schon Passanten dazu einlädt, mit einem warmen Kaffee auf den Bänken Platz zu nehmen und ein Schwätzchen zu halten.
Das alte Kaufhaus Görlitz wird gerade renoviert, wie die Beschilderung angibt. Währenddessen steht dahinter, fast verschämt im Eck, ein neues Einkaufszentrum, dessen Schönheit zweifelhaft ist aber dem modernen Bild von Einkaufszentren zu entsprechen scheint. Es erinnert an das, das gerade in Kaiserslautern gebaut wurde. – In 80 Jahren finden wir das vielleicht auch schön. Das menschliche Auge braucht eben seine Zeit, um sich an etwas zu gewöhnen.
Ganze Straßenzüge in Görlitz sind herausgeputzt und saniert, während viele andere komplett verwahrlost wirken und die Häuser beinahe auseinander zu fallen scheinen.

Verfall und Restauration

Neben barocken Fachwerkhäusern finden sich in Görlitz auch gotische Stadthäuser aus Stein, die stolze Plaketten tragen, die verkünden, dass hier einmal Napoleon gewohnt hat. Leider ist dieses Gebäude momentan nicht mehr sehr repräsentativ und bedarf einiges an Pflege.
Sehr gut gepflegt hingegen sind die Görlitzer Kirchen, die einen Besuch und den dazugehörigen Eintritt allemal wert sind.

Barock, Renaissance, Gotik und mehr.

Von einer beeindruckenden Fassade zur nächsten hangelnd verliert man sich staunend in den verworrenen kleinen Straßen in Görlitz. Mal findet man sich vor einem grandiosen barocken Stadthaus wieder und dann vor einem Stück Renaissancekultur. Freskenmalereien reihen sich neben getönte Putze, Kratzputze oder Fassaden, die gänzlich aus Stein gemeißelt sind. Für Architekten und Denkmalschützer ist Görlitz ein Fassaden-Paradies. Einen nicht unbedeutenden Teil dazu trägt der anonyme Spender bei, der seit langem jährlich eine halbe Million Euro spendet. Damit können so einige Baumaßnahmen umgesetzt werden und viele Bauwerke nicht nur saniert sondern vor allem erstmal gesichert werden. Eines der wichtigsten Anliegen der Denkmalpflege ist das Erhalten der bestehenden Substanz, damit diese dann ggf. später wieder hergerichtet und genutzt werden kann. Der Verlust eines Denkmals ist unumkehrbar und bedeutet den Verlust von Wissen und Kultur.

Bilderbuch der Architektur-Stilkunde

Görlitz ist ein Bilderbuch der Architektur-Stilkunde. Mit einem guten Architekturführer kann man so am gebauten Beispiel eine Menge über Architektur lernen. Ein uns empfohlenes Werk dazu ist der Görlitz Architekturführer von Frank Vater*. Mit reichlich Bildern und erläuternden Texten ist es ein schönes Werk, das mit viel Sorgfalt und Liebe erstellt wurde. Viele Fotos sind beeindruckend schön und weisen eine Qualität auf, die für Reiseführer überdurchschnittlich ist.

Warst du schon mal in Görlitz und hast du es gar auf die polnische Seite geschafft? Wie fandest du es dort?

Tuschkastensiedlung | Die bunteste Berliner Welterbe-Siedlung

Tuschkastensiedlung | Die älteste Berliner Welterbe-Siedlung
Eine lange kopfsteingepflasterte Straße führt im Berliner Süd-Osten vorbei an schmucken kleinen Gartenzäunen, hinter denen sich farbenfrohe Häuser reihen. Manche davon sind Reihenhäuser, andere stehen als Solitäre in ihren Gärten, aber gemeinsam haben sie eines: Jede Wohneinheit hat ihre eigene Farbe und alle gehören zur Tuschkastensiedlung von Bruno Taut. Aber auch größere Häuser finden sich in unmittelbarer Nähe zu diesen bunten Häusern der Gartenstadt Falkenberg. Sie sind akzentuiert oder sogar kariert.
Der Architekt dieser fröhlichen kleinen Ansammlung an farbintensiven Häuschen ist Bruno Taut, der 1912 vom Berliner Spar- und Bauverein den Auftrag bekam, in Treptow-Köpenick auf 75 Hektar einen Bebauungsplan auszuarbeiten, der die Hanglage des Areals besonders gut ausnutzte.

Tuschkastensiedlung, Gartenstadtweg, 12524 Berlin

Tuschkastensiedlung a.k.a. Gartenstadt Falkenberg

Der bezeichnende Name Tuschkastensiedlung ist in Architektenkreisen und bei architekturinteressierten Berlinern bekannter als der offizielle Name „Gartenstadt Falkenberg„. Berliner vergeben gerne lustige Namen wie Telespargel, Goldelse oder Erichs Lampenladen (hier geht’s zu einem kurzen Video aus dem Palast der Republik aka Erichs Lampenladen, Luftaufnahmen von der Goldelse, Luftaufnahmen vom Fernsehturm aka Telespargel mit atemberaubendem Panorama von Berlin). Die sind für gewöhnlich auch viel einprägsamer und sie verbreiten gute Laune, denn oft sind sie gar nicht so ernst gemeint und haben eine gewisse Portion Humor mit inbegriffen.
Heute mag die Tuschkastensiedlung nicht mehr zeitgemäß wirken, doch damals entsprang sie dem Zeitgeist. Hätte der erste Weltkrieg die Bauarbeiten nicht unterbrochen, so wären heute mehr Entwürfe von Bruno Taut auf diesem Areal zu sehen. So gibt es 127 Wohnungen, die dort nach Tauts Ideen entwickelt wurden.

Blaues Haus über der Gartenstadt Falkenberg in Berlin

Denkmal & Unesco Weltwerbe

Heute stehen die Gebäude der Tuschkastensiedlung von Bruno Taut unter Denkmalschutz. Das heißt, sie müssen von ihren Bewohnern so erhalten bleiben, wie sie sind und unterliegen strengen Auflagen. Wer sich also ein Häuschen in der Gartenstadt Falkenberg gönnt, ist ein Liebhaber und tut dies aus Überzeugung und nicht, weil die Wohnungen so schön billig sind.
Im Juli 2008 wurde die Tuschkastensiedlung in die UNESCO Welterbeliste aufgenommen und bleibt somit als Zeugnis der Berliner Moderne für die Nachwelt erhalten.

Farben

Die ungewöhnlich anmutende und intensive Farbgebung hat der Siedlung ihren Spitznamen Tuschkastensiedlung gegeben. Mit der Farbgebung distanzierte sich Bruno Taut von John Ruskins Ansicht, dass nur die Materialien die Farbgebung eines Hauses bestimmen sollten. Unter Ruskins Gesichtpunkten war Bruno Tauts Tuschkastensieldung ‚unrechtmäßige Architektur‘. Nach Ruskins Auffassung, hätte ein rotes Gebäude beispielsweise aus rotem Sandstein gefertigt werden müssen. Bruno Taut hingegen war da anderer Meinung und erkannte die Farbe als etwas eigenes. So waren viel günstigere, farbenfrohere Fassaden möglich.

Orange und Gelb in der Tuschkastensiedlung in Berlin

Städtebau

Beachtlich ist der Unterschied der Tuschkastensiedlung zu vielen anderen Siedlungen dieser Zeit, deren Merkmal eine unbestreitbare Eintönigkeit war. Günstig und schnell sollte gebaut werden, also entstanden ganze Siedlungen mit identischen Häusern und identischer Farbgebung. Diese Monotonie wirkt nicht nur bedrückend sondern auch verwirrend, denn es fällt schwer, die Orientierung zu behalten.
Bruno Taut hingegen spielte mit den Achsen von Straße und Platz und schuf so eine große visuelle Abwechlsung. Hinzu kommt die vertikale Versetzung der Gebäude je nach Position auf dem jeweiligen Hanggrundstück. Die bunten Farbkleckse der Tuschkastensiedlung reihen sich nicht stur aneinander sondern springen die Straße entlang.

Spott und Anerkennung

Früher war der Name Tuschkastensiedlung noch durchaus spöttisch gemeint. Die Berliner Bewohner standen der revolutionären Idee des Architekten Bruno Taut skeptisch gegenüber und der Unterschied zu anderen, monotonen Siedlungen, war deutlich zu sehen. Man wohnte eben anders. Inzwischen ist der Name Tuschkastensiedlung durchaus anerkennend zu werten und die Bewohner wohnen dort voller Stolz.

Geliebte Barrieren

Auch wenn manche Bewohner schon seit Geburt an in der Tuschkastensiedlung leben, dort mehrere Kinder großgezogen haben und nun in einem Alter sind, in dem andere gerne einen Treppenlift benutzen würden, gibt es noch stolze Berliner, die hier nicht wegziehen wollen. Die Fluktuation ist in dieser Siedlung sehr gering. Die Menschen wollen nicht wegziehen. Im Gegenteil, immer mehr Menschen wollen in die Siedlung ziehen. Es gibt Wartelisten für die Siedlung und man muss hoffen.

Grüne Oase und ehemalige Selbstversorger

Bruno Taut hatte für seine Tuschkastensiedlung große Pläne. Die Bewohner sollten sich hier selbst versorgen können. In den Gärten sollte Gemüse wachsen, im Hof der Hahn krähen und an den Bäumen das Obst reifen. Vorbild dafür waren die englischen Siedlungen, mit denen sich auch Hermann Muthesius viel beschäftigte. Die Hanglage der Anlage eignete sich hervorragend, das Gemüse anzubauen, denn die von der Sonne beschienene Oberfläche war groß, der Boden konnte sich aufwärmen und die Pflanzen wachsen.
Die Gartenstadt Falkenberg sollte ein genaues Gegenteil der Berliner Mietskaserne sein. Gärten und Balkone wurden gegen dunkle Hinterhöfe getauscht. Und dennoch sollten diese Häuser eine Antwort auf die Wohnungsnot sein. Die einzelnen Wohnungen sind nicht übermäßig groß, sodass eine große Zahl Wohnungen in dieser Siedlung zu errichten war.

Brenne Architekten haben die Gartenstadt Falkenberg denkmalgerecht saniert

Denkmalgerechte Sanierung

Das Architekturbüro Winfried Brenne, bei dem 2013 u.a. auch ich gearbeitet habe, hat die Gebäude der Gartenstadt Falkenberg 1992-2002 gründlich saniert. Die Fassaden mussten nicht verändert werden, da die Wände aus 38 Zentimeter Mauerwerk bestehen. Die energetische Ertüchtigung erfolgte hauptsächlich durch die Installation neuer Heizkessel und die Dämmung von Kellerdecken und obersten Geschossdecken.

Wo, wie, wer?

Die Adresse ist:
Gartenstadtweg, 12524 Berlin
Der Architekt ist:
Bruno Taut
Die Busanbindung:
Buslinie 163, Gartenstadtweg

Eure Meinung

Wie findet ihr die bunten Häuser der Moderne und welches ist euer liebster Bau von Bruno Taut? Habt ihr die Tuschkastensiedlung schon mal besucht, oder nur von ihr gehört? Ich war im Spätsommer 2011 dort und sie blieb mir in Erinnerung.
Schreibt mir in die Kommentare und teilt den Artikel mit euren Freunden!

Weiteres?

Interessiert ihr euch für weitere solcher Artikel? Schaut in der Rubrik Streiflicht auf raumzeichner vorbei, hier werde ich immer wieder Architektur, Plätze und Architekten unter die Lupe nehmen. So habe ich zum Beispiel über das Fakultätsgebäude der Architektur „Bau Eins“ in Kaiserslautern, das „Haus Eckstein“ in Nürnberg oder Il Gesù in Rom bereits geschrieben. Außerdem ist dieser Artikel Teil der „Magic Letters“ und behandelt das Thema „B wie Bunt“.

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am Alexanderplatz kriegt man das Heulen

In der Berliner Zeitung gibt es heute ein sehr interessantes Interview mit der Architektin Theresa Keilhacker, die Vorsitzende des Fachausschusses nachhaltiges Planen und Bauen an der Architektenkammer Berlin und Ratsmitglied der Stadtentwicklung Berlin.

Theresa Keilkacker URBAN DESIGN • ARCHITEKTUR

Berlin Mitte droht zum ‚Museum ohne Dach‘ zu werden, wenn man nicht durch Stärkung des Wohnanteils dagegen wirkt.
Es wird über vertane Chancen nach der Wende, Durchmischung der Bevölkerung mit Hilfe von Wohngeld und damit dem Entgegenwirken vor Ghettos und Slums, sowie städtebauliche und architektonische Entwicklungen gesprochen. Thematisiert wird das Brachland um den Hauptbahnhof, für das es wettbewerbauslobende Bauherren geben muss sowie der Umgang mit der alten Substanz in Berlin.

Meinung: Ähnlich wie in Frankfurt ist es auch in Berlin wohl kein Allheilmittel, einen gigantischen Elektronikmarkt in eine Stadt zu pflanzen. Der Bestand wird unterdrückt und weggeschoben, in den Schatten gerückt. Mit einem kreativen städtebaulichen Umgang würde der Bestand, so kritisch er auch betrachtet werden mag, zur Geltung kommen. So wie es jetzt geschieht, wird im die Chance dazu genommen. Der Bestand ist Geschichte und jedes alte Gebäude war zunächst einmal ‚Veraltet‘ bevor man den kulturellen und geschichtlichen Wert darin entdecken konnte, der es letztendlich zum Denkmal werden ließ.

„Die Architektin Theresa Keilhacker über die Ignoranz gegenüber der Ost-Moderne, die Gentrifizierung von Stadtgebieten und die Zukunft von Tegel und Tempelhof“ Ein Interview geführt von: Ralph Kotsch, Ulrich Paul

Quelle: Berliner Zeitung Nummer 195, Montag, 22. August 2011, Seite 18

Ursprünglich veröffentlicht auf dem Pfaffenberg-Blog.

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