Wir schmieren Erdöl an die Wände! Nicht?

Was ist dran am Anti-Dämm-Wahn?
Erst bekleben wir unsere Häuser als würden wir sonst erfrieren, jetzt verbrennen wir darin. Oder?
Nachdem in Deutschland wie verrückt gedämmt wurde und viele Fassaden hinter Styropor[1] verschwanden, wird inzwischen in den Medien und sozialen Medien, unter Fachleuten, Bauherren und Bewohnern das Geschrei laut, dass wir nicht mehr dämmen wollen. Eine Anti-Dämm-Welle bewegt sich durch Deutschland.

Warum haben wir so viel gedämmt?

Es ist auffallend, dass vor etwa 10 Jahren massiv angefangen wurde, Fassaden zu dämmen. Plötzlich zierten viele Gerüste die Straßen der Städte und Häuser verloren ihre Identität, indem sie hinter einer wärmenden Vollverschleierung versteckt wurden.
Dazu kam es durch die EnEV, der Energie-Einspar-Verordnung, die stetig erweitert wird und Bauherren und Planer vor immer neue Herausforderungen stellt. Ständig werden ihre Vorschriften verschärft und immer höhere Werte müssen neue und sanierte Gebäude einhalten.
Aktueller Stand ist, dass jede Fassade nach EnEV-Standard gedämmt werden muss, wenn 10% ihrer Oberfläche saniert werden. Darunter fällt das Beseitigen von Fehlstellen und das Sichern und Verfüllen von Rissen.
Ein gutes Argument Pro EnEV ist in diesem Fall natürlich, dass zu ohnehin anfallenden Kosten, „ein paar Mehrkosten“ anfallen und man damit dann die Umwelt schützt. Aber:
Dämmen kostet eine Menge Geld. Es ist nicht allein damit getan, dass die Dämmung an die Wand geklebt wird. Die Fassade muss zuerst gereinigt werden. Eventuell müssen Fliesen abgeschlagen oder mit Grundierung bearbeitet werden, bevor die Dämmung angeklebt werden kann. Fensterbänke müssen erneuert werden, weil die Wände hinterher dicker sind als die meisten Fensterbänke es vorher waren. Lampen und jegliche Elektroinstallation wie Bewegungsmelder etc. müssen durch die Dämmung nach Außen verlängert werden. Je nach Haus, muss ein Dachdeckerbetrieb den Dachüberstand nach Außen verlängern. Vordächer und andere Anbauten wie z.B. Carports müssen versetzt werden. Wenn alles um die 14-20 cm nach Außen geschoben wurde, wird ein neuer Putz nötig. Dazu dann ein neuer Anstrich, der eventuell mit einer Gestaltungssatzung abgeglichen werden muss.
Je nachdem, wie die Anbietersituation ist, müssen also mindestens 5 Gewerke beschäftigt werden. Plus Archiekt/Energieberater, der die energetischen Berechnungen durchführt, die Gewerke koordiniert und den Papierkram mit den Ämtern meistern muss.

Was ist schlecht an Styropor?

Styropor ist ein Markenname, der inzwischen so umgangssprachlich verwendet wird wie Tempo, Zewa oder Cola. Gemeint ist ein Polystyrol-Dämmstoff, der üblicherweise in Plattenform verkauft wird.
Auf den ersten Blick scheint Styropor ja einen ganz positiven Eindruck zu machen. Es ist leicht zu verarbeiten, dämmt, ist mit rund 5-15€ pro Platte recht günstig und man bekommt es überall.

ungesicherte Entsorgungsvorgänge

Allerdings ist dieses Dämmmaterial aus Erdöl gemacht und man weiss nicht, was man später damit machen soll. Es ist Sondermüll. Das Fraunhofer Institut forscht zwar, wie man es von restlichen Baustoffen wie Putz und Kleber lösen kann, aber bisher erst in kleinem Umfang. Bis zur großen nächsten Sanierungswelle ist aber auch noch ein bisschen Zeit.

Brandverhalten

Die Polystyroldämmung beinhaltet ein Brandschutzmittel, das dafür sorgt, dass die Dämmstoffplatte nicht in Flammen aufgeht. Statt dessen schwindet sie zurück. Dabei schmilzt das Material weg, tropft nach unten… und brennt eben dann. Das verflüssigte Polystyrol brennt nämlich gar nicht mal so schlecht. Es ist ja immerhin aus Erdöl.
Da das Polystyrol bei großer Hitze zurück weicht, wird dieser Umstand auch genutzt um es mit einem heißen Draht ganz einfach zu ‚zerschneiden‘. Dummerweise weicht es aber auch im Brandfall zurück.
Bei der Anwendung an der Fassade wird die Dämmung zwar durch die Putzschicht geschützt, doch auch diese gibt relativ schnell nach, wenn sie direktem Feuer (zB brennende Kinderwagen oder Mülltonnen) ausgesetzt ist. Schon bevor die Putzschicht nachgibt, schmilzt der Dämmstoff in seiner Putz-Hülle und ergießt sich dann in einem Schwall in die Flammen. Dadurch wird das Feuer weiter genährt und die Hitze dringt in den Zwischenraum zwischen Wand und Putz ein.
Es entsteht ein Kreislauf, wenn die Hitze das Material schmilzt. Es tropft nach unten in die Flammen, diese werden größer, schmelzen mehr, bekommen mehr neue Nahrung. Das ist der Grund, warum Fassadenbrände mit diesen erdölbasierten Dämmstoffen so schnell wachsen.

Toxisch für Flora und Fauna

Ob es Plastiktüten in Vögelmägen oder Verpackungen in Fischgedärmen sind… Erdöl und seine Erzeugnisse können von uns nicht abgebaut werden.
Wenn Vögel ihre Nester in wärmegedämmte Fassaden versenken, wo ist dann das Material hin? Wenn die Vögel das heraus gepickte Material gefressen haben, dann wird es (zumindest ein Teil) vermutlich in ihren Innereien bleiben.
Das Brandschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) kann ausgewaschen werden und somit ins Grundwasser gelangen. Natürlich wird das Auswaschen durch die Putzschicht eingeschränkt, aber man sollte diesen Aspekt nicht vernachlässigen. Es geht dabei um das Prinzip des umweltschädlichen Potenzials.
Es soll auch schädlich für Säuglinge sein, die es über Muttermilch aufnehmen können, und die Fruchtbarkeit beeinflussen. Laut „Der Spiegel„* wurde es auch schon im menschlichen Blut gefunden.
HBCD wird bei Produktion, Einbau und Abriss freigesetzt und eben auch dann, wenn es noch an der Fassade klebt.

Und alles brennt wie Zunder…

Bemerkenswert ist der Umstand, dass es die deutsche Dämmstofflobby geschafft hat, dass die „Styropordämmung“ nicht als brennbar deklariert wurde. Schwer entflammbar heißt es in Deutschland. EU-weit aber weiterhin: brennbar.
Es mag ja stimmen, dass die Dämmstoffplatte an sich schwer entflammbar ist, aber das Schmelzprodukt, das jeder Architekturstudent schon in rauhen Mengen selbst als Nebenprodukt beim Modellbau produziert hat, ist sehr wohl für jede Flamme ein gefundenes Fresschen.
Betrachtet man aber deutschlandweit die jährlichen Brände, kommt man (laut Sto) auf 186000. Bei nur 18 davon sei die Fassadendämmung beteiligt gewesen.
Auch zu hinterfragen ist bei der ständigen Angst um das Brandrisiko, wie es mit Dachstühlen oder Schilfdächern aussieht. Man nimmt bei einem Dachstuhl aus Holz hin, dass er brennen kann. Genauso sieht es aus mit Dächern, die mit Schilf gedeckt sind. Bis zum 2. Weltkrieg gab es sogar landläufig noch oftmal offenes Feuer in den Küchen, da ein Ofen mit Schornstein zu teuer war. – Es ist Abwägungssache, wieviel Geld man in die Hand nimmt, ob man die Kosten scheut oder ob man sich dem Brandrisiko einzelner Materialien stellt.

EnEV, das Öko-Paradoxon

Dank Angela Merkel sollte Deutschland die Vorreiterrolle beim Umweltschutz übernehmen. Die Ziele sind hoch gesteckt. Häuser sollen kaum bis keine Energie mehr verschleudern und klimaneutral sein. Klimaneutral heißt, dass sie keine Auswirkungen auf die klimatische Entwicklung mehr haben.
Schlecht gedämmte Häuser verpulvern Geld und kostbare Energie – soweit richtig.
Dafür allerdings höchst bedenkliche Materialien in rekordverdächtigen Mengen zu produzieren und zu verbauen, ohne dabei zu wissen, wie man sie später mal recyceln oder entsorgen kann, ist dabei aber durchaus als grenzwertig einzustufen.
Ketzer könnten sich an Atomkraftwerke erinnert fühlen.

Welche Alternativen gibt es?

Glücklicherweise schreibt die EnEV nicht vor, welche Materialien zu verwenden, sondern welche Grenzwerte einzuhalten sind.
So kann man sich also anderer Dämmstoffe bedienen.
>> Nicht brennbare Dämmstoffe.
Bei Brandwänden und öffentlichen Gebäuden wird es gemacht und ist sogar verpflichtend: Die Verwendung nichtbrennbarer Dämmstoffe.
Das können beispielsweise Mineralwolle, Steinwolle oder Schaumglas sein. Die Namen machen schon deutlich, dass hier wenig Brandpotenzial herrscht.
Schaumglas ist sogar druckbeständig und kann unter Fundamenten und Bodenplatten eingesetzt werden. Zwar sind dort wieder Bitumen bei der Verlegung im Einsatz, aber Schaumglas an sich ist bisher noch nicht negativ aufgefallen.
(Belehrt mich bitte eines Besseren, wenn ich mich irre!)
Neben der Nicht-Brennbarkeit kann man diese Dämmstoffe sogar wiederverwerten und damit dem Markt erneut zuführen.

Warum werden diese Alternativen nicht benutzt?

Leider spielen die Kosten beim Sanieren eine große Rolle. Da manch ein Bauherr nur ein paar Reparaturen machen wollte und sich ‚unversehens‘ der Sanierungsverpflichtung gegenübersieht, ist das Geld oft sehr knapp. Der Unwille ist außerdem groß, denn man ‚wollte doch gar nichts Großes machen‘, nun wird man aber dazu gezwungen… Der störrische und bockige Bauherr will also so günstig seiner Verpflichtung nachkommen, wie es nur geht.
Die KfW schüttet zwar Förderungen an dämmende Bauherren aus, allerdings sind die nicht abhängig vom ökologischen Fußabdruck der verwendeten Materialien.
Da die Förderung stur berechnet wird und weniger-kritische Dämmmaterialien teurer sind, ist der positive Effekt der Geldspritze bei günstigen Stoffen natürlich viel größer.
Ein explizites zusätzliches Förderprogramm für nachhaltige Baustoffe gibt es leider momentan nicht. Es könnte ein Anreiz sein, diese zu verwenden. Und wenn es kein richtiger Anreiz wäre, würde es immerhin umweltliebende Bauherren finanziell mehr unterstützen statt ihnen ein Bein zu stellen. Nur weil man Umwelt liebt und sie schützen will, hat man ja immer noch keinen Goldesel zu Haus.

Aber dann schimmelt doch alles!

Wer sein Haus rundherum dämmt, spart dann wirklich energie. Rein der Physik geschuldet, kommt die warme Luft eben einfach nicht mehr durch jede Öffnung heraus. Damit die Häuser warm bleiben, sollen sie luftdicht werden.
Die Luftdichtheit allein sorgt schon für Diskussionen. Früher gab es eine Zwangslüftung durch nicht ganz dicht schließende Fenster, Dächer und Türen. Heute sind diese Lüftungslöcher dicht und so sammelt sich auch die Feuchtigkeit, die der Mensch so produziert, im Haus. Um die Feuchtigkeit abzuführen, muss man nun bewusst lüften. Dazu verwendet man entweder neu bemessene Lüftungsanlagen oder man öffnet das Fenster.
Die Bewohner müssen in mäßigem Umfang ein neues Benutzerverhalten lernen. Der Irrglaube von atmenden Wänden hält sich hartnäckig. Auch wenn Wände ohne Dämmung früher diffusionsoffener waren, haben sie dennoch nie ‚geatmet‘. Sie haben nie so viel Luft diffundieren lassen, dass es gereicht hätte. Auch früher hat man schon gelüftet, wenn es stickig im Haus geworden ist. Jetzt lüftet man eben minimal mehr oder bedient sich einer feuchtegeführten Lüftungsanlage. Eine ‚feuchtegeführte Lüftungsanlage‘ misst die Luftfeuchtigkeit im Raum und tauscht dann die Luft, wenn ein Grenzwert erreicht ist. Diese Lüftungsanlagen sind vor allem in Küchen und Bädern sinnvoll. Dort entsteht die meiste Feuchtigkeit und durch eine Lüftungsanlage wird die Luft auch ausgetauscht, wenn man beispielsweise das Haus verlässt und das Fenster nicht offen lassen will.

Fazit

Ich bin definitiv pro Dämmung, da vor allem alte Häuser definitiv zu viel Energie in den Aether schicken und damit die Umwelt belasten. Gleichzeitig bin ich aber genauso definitiv gegen erdölbasierte Dämmstoffe, genauso wie ich auch gegen fossile Brennstoffe bin.
Mein Wunsch wäre, wenn Banken wie die KfW bei ihren Zuschüssen und Krediten ein Auge darauf legen würden, wiederverwendbare und ungiftige Dämmstoffe in größerem Maße zu fördern als die oben beschriebenen. In Österreich beispielsweise wird Hanfdämmung teilweise gefördert.
Allerdings ist bei jeder Baumaßnahme separat zu prüfen, ob und in wieweit eine energetische Ertüchtigung Sinn macht. Muss die Fassade eingepackt werden? Man muss sich immer fragen, ob die Materialien und Methoden miteinander harmonisieren, oder ob man siche eine Schimmel-Brutstätte baut. Vielleicht ist nach einer Neuanschaffung eines Brennwertkessels vor 2 Jahren eine Dämmung ja kaum noch lukrativ? Das gilt es zunächst zu klären, bevor man pauschalisiert und urteilt, denn manchmal können bessere Heizkessel und Heizkörper in Kombination mit einer gedämmten obersten Geschossdecke ja schon eine große Energieeinsparung verursachen.
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Mir liegen keine Daten zum energetischen Aufwand bei der Herstellung von Schaumglas, Mineral- und Steinwolle vor. Die Relation der Energieaufwände zur Herstellung der verschiedenen Dämmstoffe ist nicht Teil dieser Betrachtung. 
 
Dieser Beitrag soll keine allumfassende Stellungnahme zum Thema Dämmung darstellen, sondern einen kleinen Einblick in die Thematik bringen und meine persönliche Meinung dazu darstellen. 
 
Die Begriffe Styropor, Styrodur, Polysterol-Dämmung und erdölbasierte Dämmstoffe sind in diesem Beitrag als eine Gruppe von Dämmstoffen zusammen gefasst, die ähnliche Materialeigenschaften haben. Gemeint ist jeweils die Materialgruppe.
[1] Markenname
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Anbei eine Linkliste, die aus Quellen und weiterführenden Inhalten zusammen gesetzt ist:
Nicht alle dieser Links spiegeln meine Meinung wieder, doch sie zeigen den allgemeinen Tenor, was Dämmen momentan in Deutschland angeht.

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