14. Oktober 2014 raumzeichner

Sind Wettbewerbe für junge und kleine Architekturbüros realisierbar?

Sind Wettbewerbe für junge und kleine Architekturbüros realisierbar?

Manche Architekturfakultäten fokussieren ihre Ausbildung auf das Wettbewerbswesen und bilden ihre Studenten zu Wettbewerbsentwerfern aus, doch ist es überhaupt realistisch, dass diese Absolventen später auch hauptsächlich Wettbewerbe machen?

Ein erlesener Kreis an Auserwählten

Unterschiedliche Wettbewerbsarten bieten nicht nur die Möglichkeit, sich etwas heraus zu suchen, das Interesse weckt, sondern schließt ein Büro manchmal auch aus der Teilnahme aus.
Neben offen ausgeschriebenen Wettbewerben, an denen gut und gerne 200 Büros teilnehmen, gibt es auch Wettbewerbe, zu denen die Teilnehmer explizit eingeladen werden. Dort ist der Kreis der Teilnehmer naturgemäß weitaus kleiner, die Vielfalt der Einreichungen allerdings auch. Der Vorteil für den Ausschreiber ist beim offenen Wettbewerb, dass eine enorme Vielfalt an Entwürfen eingeht und somit eventuell auch neue Sichtweisen aufgezeigt werden, an die anfänglich nicht gedacht wurde und die die Problemstellung vielleicht besser lösen als die umrissenen Lösungsansätze.

Ungerechte Schikane vs. notwendige Anforderung

Vielen Büros wird der Zugang zu bestimmten Wettbewerben durch die Anforderungen des Wettbewerbsausschreibers verweigert. Bei bestimmten, aufwändigen oder auflagenreichen Bauprojekten wird verlangt, dass die Bewerberbüros schon gleiche oder ähnliche Entwürfe ausgeführt haben. Indem ganz bestimmte Referenzen gefordert werden, fallen viele Büros aus dem Raster, die ein ähnliches Projekt noch nie verwirklichen konnten, aber eventuell mit einem erfahrenen Anleiter an der Hand und einer bahnbrechenden Idee einen innovativen Entwurf liefern könnten. So ein Anleiter könnte ein erfahrener Bauleiter sein oder auch ein Ingenieur, der in der Genehmigungs- oder Ausführungsplanung federführend mitwirken könnte und somit den Jungarchitekten nicht nur als Regel-Vorleser dient sondern vielmehr auch als Mentor.

Verlustgeschäft für Planer

Für den Architekten, der den offenen Wettbewerb nicht gewinnt, ist es finanzieller Schaden, da er teilweise teure Vorleistungen erbringt, aber diese nicht entlohnt bekommt. 
Ein kleines Büro investiert in einen Wettbewerb kaum weniger Stunden als ein großes Büro, doch während ein großes Büro mit viel Prestige gerne junge Absolventen oder Praktikanten in die Wettbewerbsabteilung setzt und damit günstige, innovative Arbeitskräfte nutzt, gehen in kleinen Büros oft die Chefs selbst ans Werk, da das Büro aus kaum mehr als den Chefs persönlich besteht. 

Gehen wir von 1000 Stunden für den Entwurf aus, dann sind 4 Personen für etwas über 6 Wochen beschäftigt. Das sind in einem großen Büro 3 Praktikanten à 400€ im Monat plus ein Absolvent mit 2100€ im Monat. Als Summe sind das 3700€ und etwa 5-10% der Arbeitskraft.
In einem kleinen Büro sind es 2 Personen, die 12,5 Wochen beschäftigt sind und mindestens 3000€ im Monat kosten. Das sind 9375€ mit 50-100% der vorhandenen Arbeitskapazität des Büros. Das heißt, dass es in der Zeit kaum etwas anderes planen oder umsetzen kann.
Egal ob groß oder klein, beide Büros machen Verluste, wenn ihr eingereichter Entwurf nicht gewinnt.

Warum nehmen kleine Büros überhaupt an Wettbewerben teil?

Gerade als junger Gründer hat man oft kaum bis keine Kontakte zu potentiellen Auftraggebern. Einen Wettbewerb zu gewinnen macht einen, je nach Größe und Bekanntheit des Projektes, mit einem Schlag bekannt. Und auch wenn man nicht gewinnt reichert man mit den Entwürfen das eigene Portfolio an, damit künftige Auftraggeber erahnen können, ob dieses Büro zu ihnen passt. Niemand wendet sich an einen Architekten, der keinen einzigen Entwurf vorzeigen kann.

Ungerechtigkeit, Willkür oder Darwinismus

„Der Beste gewinnt!“, könnte man jetzt sagen und sich damit zufrieden geben. Selbst Schuld diejenigen, die sich wider besseren Wissens dem Risiko stellen und nach Wettbewerben Ausschau halten.
Es gibt aber auch die Sorte Wettbewerbe, bei denen jedes Büro, das einen Entwurf einreicht, pauschal eine Vergütung dafür bekommt. Klingt gerecht und nachvollziehbar, doch da gibt es den Haken, dass das jene Wettbewerbe sind, deren Teilnehmer explizit angefordert werden. Folglich sind das dann Büros, die schon ein gewisses Ansehen und einen guten Ruf errungen haben. 
Die Möglichkeit, sich auch als unbekanntes Büro in so einem Wettbewerb wiederzufinden ist gering, aber vorhanden. Der Weg per Los in den erlesenen Kreis der Auserwählten ist auch möglich, doch logischerweise sind die Ausschreiber solcher gut bezahlten Wettbewerbe daran interessiert, ein gleichmäßig hohes Niveau in den Entwürfen wieder zu finden und haben vielleicht sogar recht genaue Vorstellungen, was die Umsetzung des Entwurfes angeht. Die Teilnehmer, die per Los gezogen werden, sind daher nur in geringer Zahl vertreten.

Kompetenz ohne Referenzen

Durch erfolgreich abgeschlossene Bauprojekte und öffentlichkeitswirksame Entwürfe schafft man Referenzen, sammelt Erfahrungen und gelangt somit zu einer Routine in bestimmten Gebieten des Bauwesens.
Je öfter man etwas macht, desto besser wird man darin, desto schneller wird man und desto größer ist der Gewinn. Ist man aber erstmal in einer ‚Schiene‘ und hat ein gewisses Sammelsurium an Entwürfen einer Kategorie, werden immer mehr gleiche oder ähnliche Entwürfe dazu kommen, da sich Auftraggeber mit ähnlichen Problemstellungen bei einem gut aufgehoben fühlen und abweichende Bauprojekte nicht in das Büro-Schema zu passen scheinen. Eventuell entsprechen die realisierten Entwürfe aber gar nicht den Interessen oder Stärken des Büros, vielleicht ist eine bestimmte Gewichtung auf ein Themengebiet reiner Zufall.

Auch ohne entsprechende Referenzen sollte man Büros nicht von der Teilnahme an Wettbewerben ausschließen oder deren Einreichung weniger gut bewerten, weil sie in der Vergangenheit keine äquivalenten Bauprojekte abgeschlossen haben. Architekten zeichnet unter anderem aus, auf Wünsche und Bedürfnisse des Auftraggebers eingehen zu können und Lösungen zu finden.

Dieses Thema hatte ich bereits während des Studiums mit einer befreundeten Pflegekraft, die mir auf Anhieb einige verbesserungswürdige Aspekte bei einer immaginären Krankenhausplanung nennen konnte und mir andererseits erklärte, warum manche räumlichen Abwicklungen aus Sicht der Aktivitäten im Betrieb durchaus sehr sinnvoll sind, auf den ersten Blick von Außen aber unverständlich wirken (und daher von einem unbedarften Planer nie so geplant worden wären). Mit Kommunikation, Interesse und Einbeziehung der künftigen Nutzer können auch auf noch fremden Wegen sehr gute Ergebnisse erzielt werden.

Sind Wettbewerbe nun gut oder schlecht? Kann man das so pauschal sagen?

Mehr zu dem Thema gibt es in der Competition Ausgabe 9.

 

Tagged: , , , , ,

About the Author

raumzeichner Julia ist #Absolventin #Architektin #Denkmalschützerin #Urbanistin #OnlineRedakteurin und einiges mehr. Sie hat jahrelange Erfahrungen in Fachschaften und Gremien gemacht, und arbeitet jetzt als Architektin, während sie alle Informationen aus den Bereichen Denkmalpflege und Urbanität wissbegierig in sich aufnimmt und mit euch teilt.

Comments (5)

  1. Evy

    Interessantes Thema! In der Literatur nennt man das Beispiel mit der Pflegekraft übrigens Testleser :P

    Ich kann mir gut vorstellen, dass manche Rahmen bewusst so eng gesteckt werden, dass nur ein Teilnehmer in Frage kommt. Oder dass manche Bauten nur wg. dem Namen des Architkten gebaut werden.

    Es ist ohnehin grausam, wie sich die heutige Architektur an vermeintlichen Trends orientiert und z.B. das Umfeld eines Gebäudes außer Acht lässt. Ich habe das Gefühl, dass es nur noch um möglichst wie Quader, Betont und schönes Glas geht….

    • raumzeichner

      Hey Evy,
      leider wird den Architekten sehr häufig recht wenig Gestaltungs- und Entwurfsspielraum gelassen. Und das, obwohl sie es ja gelernt haben. Aber da inzwischen jeder Architekturbücher kaufen kann und jeder mit ein paar Tutorials ein bisschen Design lernen kann, denken zu viele, sie hätten Ahnung und schreiben den Planern dann so viel vor, dass sie selbst nur noch Handlanger sind und ihren wahren Beruf gar nicht mehr ausführen können.
      Außerdem muss ja auch alles möglichst günstig sein…!

  2. Steffen

    Man könnte sagen pro Haus veranstalten wir Architekten ca.10-12 kleine Wettbewerbe getarnt unter dem Name „Ausschreibung“ und WEHE jemand will öffentlich ausschreiben!
    Wir schicken die Ausschreibung nur an einen Kreis von Handwerkern/Firmen die wir oder der Bauherr kennt. Ziele ist es am Ende gut schlafen zu können, den mit den meisten Firmen die man anschreibt, hat man schon mal gut zusammengearbeitet, alle anderen Handwerker schreiben wir erst gar nicht an a) wir kennen Sie nicht wirklich/gar nicht b) irgendetwas ist schon mal schief gegangen c) wir finden keine REFERENZEN….
    Sind wir mal ehrlich keiner sucht im Telefonbuch jeden Schreiner und schickt seine Ausschreibung an alle und keiner schreibt wenn es es nicht muss freiwillig öffentlich aus oder?
    Ich glaube so geht es leider auch den verantwortlichen die Architekturwettbewerbe ausschreiben.
    Also kann ich die Bauherren teilweise gut verstehen, wenn Sie für ihr Bürohaus auf Nummer sicher gehen wollen und sich die Büros lieber schon mal vorauswählen nach gebauten Referenzen.
    Nichtsdestotrotz würde ich mich über mehr Wettbewerbe freun ;-)

    • raumzeichner

      Das Schöne an Wettbewerben ist ja, dass man dann überhaupt mal wieder entwirft. Ich muss ja leider zugeben, dass die Entwurfsrate bei einem so kleinen Büro wie dem, in dem ich gerade bin, gegen Null geht. So ein Wettbewerb bringt ja den Büroalltag neben all den Ausschreibungen und Kostenkalkulationen mal in Schwung. Wie ich leider innerhalb der letzten langen Monate festgestellt habe, ist das Leben als Architekt“ gar nicht mal immer so angenehm und schon recht öde. Leider. Da wünscht man sich doch die Uni zurück. Also ich zumindest ;)

      Da hilft dann nur noch, die Motivation wieder finden und irgendwie durchbeissen. Da ich schon mal in die Ergebnisse meiner Umfrage zum Thema Studium und Arbeit geschmult habe, weiss ich ja jetzt auch, dass ich nicht alleine denke, dass man sich da durchboxen muss. – Das ist aber unter anderem so ein Punkt, den ich gerne früher gewusst hätte.

      Mir haben zwar viele davon abgeraten, Architektur zu studieren, aber richtig begründen konnte es ja keiner und jetzt bin ich Architekt und kann diese halbherzigen Einwände im Nachhinein doch nur abnicken ;D

      Aber das Studium war gut xD

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.