30. April 2015 raumzeichner

Riga | Welterbe zwischen Pracht & Chaos.

02:30 in der Frühe. Der Wecker klingelt, es ist finster, ungemütlich kalt und stürmisch draussen. Das beste Wetter, um das kalte Deutschland an einem Februarmorgen zu verlassen. Gegen eine gute Ladung Sonne und Wärme hätte da wohl keiner etwas einzuwenden, doch es geht nicht auf die Malediven, sondern nach Riga. In die schöne Hauptstadt Lettlands, ganz weit im Osten von Europa und beschaulich klein. – Und genauso eisig kalt. Was hab‘ ich mir dabei nur gedacht?

Riga, eine Hauptstadt und ein Weltkulturerbe

Die Durchschnittstemperatur für einen lettischen Februar soll ja bei -5°C liegen, das sind ganze 10° weniger als zur gleichen Zeit im winterlich-regnerischen Deutschland herrschen. Aber wer nach Osteuropa will und sich ganz dicht an Russland aufhalten will, der muss eben hart im Nehmen sein. Also auf nach Frankfurt Hahn und von dort um 6 Uhr nach Riga.

Als wir in Riga aus dem Flugzeug steigen, empfängt uns eine freudige Überraschung nach der nächsten. Schon oft sind wir zusammen gereist, doch nie haben wir uns so wenig vorbereitet wie dieses Mal. Ein Test, wie man ohne vorhergehenden Planungsstress zurecht kommt. Wir haben die Adresse unseres Hotels und hoffen einfach mal. Der erste Fahrer eines kleinen Taxibusses erklärt uns auf akzentfreiem Englisch, dass das Hotel zu weit entfernt von seiner Standardroute ist, das würde sich für uns nicht lohnen. Ein Taxi mit Route? Sofort werden wir an die kleinen Vans erinnert, die auch in Kaliningrad die Rolle von Mini-Bussen übernehmen und bis zu 15 Personen rasant von einem Ort zum anderen bringen. Vor uns steht eine Innenstadt-Flughafen-Variante davon, die nur 5€ kosten würde, aber sie bringt uns ja leider nicht ans Ziel. Der freundliche Fahrer rät uns, lieber ein Taxi zu nehmen. Wir drehen uns um und sehen uns mindestens 5 wartenden Taxis gegenüber, deren Fahrer mürrisch in den lettischen Morgen blinzeln.
17€ und 30Minuten später drückt uns Janis, der ergraute schweigsame Fahrer, unsere Taschen in die Hand und fährt davon. Wir stehen vor einem skurril modern wirkenden Gebäude, auf dem Days Hotel steht. Wir sind zu früh, checken trotzdem ein, wollen einfach nur ein Bett sehen und den Schlaf nachholen.

Mobilität und ÖPNV

Gegen Mittag knurrt der Magen, zu lange nichts gegessen, also ab in die Stadt. Für 10€ bekommen wir jeweils ein 3-Tage-Ticket für die Straßenbahnen und steigen in die Linie 6 ein, die uns bei Gertrudes Iela mitten auf die Straße entlässt. Einen kleinen Herzstillstand später stellen wir fest, dass die Autos, die gerade noch radebrechend über das unebene Kopfsteinpflaster an der Straßenbahn vorbei geprescht sind, wie eine brave Schafherde warten, bis die Passagiere sicher am Gehweg angekommen sind. Straßenbahnen und Oberleitungsbusse tummeln sich in auffallend großer Zahl zwischen den PKWs. Kleinere mobile Busse und Minibusse bilden den Rest des ÖPNV, der die Menschen in kurzen Intervallen an zu ihren Zielen bringt. Wir sind froh, gesund und munter am Gehsteig angekommen zu sein. Kaum sind wir angekommen, rauschen die Autos wieder los.
Kurz geradeaus, dann nach rechts; wir wollen zu Gertrude, der neogotischen Kirche mit dem umstrittenen Stilgemisch. Die Straße ist lang und der Weg führt uns über einige holprige Gehwege. Rollstuhlgerecht ist das nicht. Uns fällt auch direkt auf, dass zwischen all den Passanten kein einziger Rollstuhlfahrer unterwegs ist (und das wird sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern).

Fotografische Stadtansichten

Gertrude und ihre Männer…

St. Gertrude in Riga

Zwei ältere Männer mit dunkel gebräunten und wettergegerbten Gesichtern stehen beisammen und rauchen ihr Kippchen. So wie jeden Tag. St. Gertrude wird gerade in Teilen restauriert. Die Fassade der neogotischen Schönheit weist, wie so einige andere Bauten in Riga auch, hier und da Mängel auf, die behoben werden müssen. Südlich der Kirche, die auf einem ovalen Platz steht und von Straßen eingefasst wird, rauchen die beiden Restauratoren ihre Mittagszigarette. Amüsierte Gesichter schmunzeln über das unverhohlene Interesse der beiden jungen Architekten, die angesichts des Gerüstes am liebsten gleich hochklettern würden. Das ist ihnen aber leider nicht gestattet. Kein Helm und keine Sicherheitsschuhe. So müssen sie die Sandsteinmaßwerke von unten betrachten und das Geschick der früheren Steinmetze bewundern. Die Pause ist rum und die beiden Restauratoren klettern wieder zu den Dächern ihrer Gertrude hinauf, während wir uns auf machen, weiter die Stadt zu erkunden.

Freie Flächen und menschenleere Straßen.

Erstaunlich leer erscheinen in Anbetracht der über 699.000 Bewohner die Straßen der größten Stadt des Baltikums. Zu jeder Tageszeit, egal ob Wochenende oder Werktag fühlt man sich in dieser Februarwoche geradezu allein auf Rigas Pfaden. Winterlich verdorrt und graubraun empfängt uns eine riesige Freifläche, als wir aus der Krisjana Valdemara iela kommen. Der gewaltige Park, der sich mitten in der Stadt erstreckt, misst über 8 Hektar und ist auch im Winter erstaunlich gut besucht. Kinderwägen werden über die Wege geschoben und Jugendliche werfen den Enten im Fluss des Parks Esplanade Brot zu. Insgesamt nehmen mit 19% fast ein fünftel der Flächen in Riga die Parkanlagen ein. Gewässer haben einen Anteil von über 15% und Gewerbe und Wohnen beanspruchen dagegen nur knapp 39%. Von Enge, Hektik und RushHour ist nicht viel zu spüren. Ein paar Mal huschen wir totz drei Spuren in einer Richtung über die Straßen, als uns das Warten auf die Grünphase für Fußgänger zu lange dauert. Damit sind wir nicht allein. Touristen wie Einheimische nutzen ihre Chancen, über die teilweise sechsspurigen Straßen zu eilen, wenn gerade weit und breit kein PKW zu sehen ist.

Dieser Duft überall…

Der verlockende Duft von Kaffee und süßem Gebäck begleitet uns die Straßen entlang an vielen kleinen Cafés und etlichen Konditoren. Wir entscheiden uns für einen kleinen Gastro-Mix aus Café, Konditorei und „Italiener“ mit offener Küche. Wir bestellen Pasta, Pizza, Kaffee und Limo, setzen uns und beobachten die Köche beim eifrigen Zubereiten der Speisen. Die alten Gemäuer sind modern eingerichtet und bieten ungeahnten Großstadtflair. Neben sichtbaren Backstein gesellt sich dunkles Holz und edles Leder, während Geschäftsleute ein entspanntes Meeting mit Tablet und Käffchen abhalten und Familien ihre Kleinsten mit Makronen verwöhnen. Dem geschäftigen und gleichzeitig ruhigen Treiben auf den Straßen könnten wir stunden lang zusehen. Während wir unseren Kaffee genießen und auf das Essen warten, lesen wir Nachrichten, schreiben eMails und fühlen uns weltmännisch und gut verbunden; Dank kostenlosem WLan-Zugriff. WiFi gibt es in Riga an fast jeder Ecke. Jedes Café scheint seinen Kunden verschlüsselt oder unverschlüsselt kostenlosen Internetzugang anzubieten. Ein Service ganz nach Metropol-Manier, wie wir finden und es gutheißen.

Heinein, hinein. Einblicke und Eingänge in Riga.

Zuckerbächer-Architektur oder doch nur Jugendstil?

Frisch gestärkt und ausgeruht lassen wir uns durch Riga treiben. „Zuckerbäckerarchitektur!“, schimpfen einige Professoren über den Eklektizismus (Stilgemisch) und den Jugendstil der Stadt. Detailreichtum lädt zum häufigen Verweilen und Staunen ein. Kaum eine Fassade ist schlicht. In den wenigen Glasfassaden der Stadt spiegelt sich das geschichtsträchtige Antlitz der anderen Straßenseite. Bossenputz, Fresken, Griechische Säulen, Gotisches Maßwerk, Klappläden und steinerne Figuren arrangieren sich zum Stelldichein neben Stufengiebeln und kleinen Türmchen. Kecke und finstere Gesichter beobachten uns steinern von den Fassaden herab bei unserem Spaziergang durch die Altstadt. Der Blick hinauf lohnt sich in Riga jedes Mal. Neben tausenden Tauben und Möven entdeckt man sogar bronzene Katzen, die sich auf den Turmspitzen eines Jugendstilbaus über die Stadt erheben und den Eindruck erwecken, als würden sie – gigantisch wie sie sind – gleich zum Sprung in die Gassen ansetzen. Noch lauern sie aber auf dem ehemaligen Haus eines lettischen Kaufmanns, der seinerzeit nicht in die große Gilde aufgenommen wurde und zum Protest zwei Katzen auf sein Haus montierte, die ihr bloßes Hinterteil in Richtung des Gildenhauses strecken.

Achtung, Schlagloch!

Man erinnert sich unwillkürlich an Omas alten Rat, man solle nicht als Hans-guck-in-die-Luft durchs Leben wandeln, wenn die Tücke des Bodens einen zum Straucheln bringt. Die Straßen und Gehwege in Riga sind nicht eben! Schlaglöcher und abrupte Kanten trachten nach dem Wohlergehen der Fußgelenke. Die Frauen aus Riga mit ihren hohen Pfennigabsätzen haben es zwar perfektioniert, aber Barrierefreiheit scheint in Riga kein Thema zu sein. Kein Gehweg und keine Anlage ist für Rollstuhlfahrer ausgelegt. Winzige Rampen an den Fußgängerüberwegen ermöglichen es, schmale Kinderwagen zu lenken oder dem Rennrad ein paar Achten zu ersparen, aber die Gehwege sind abschüssig und holprig. Hier bedarf es viel Geld und ebenso viele Ausbesserungsarbeiten.

altersschwache Denkmale

Genauso geht es vielen Gebäuden. Balkone und manchmal ganze Giebel sind mit Sicherheitsnetzen abgespannt, da sich Fassadenteile lösen und Passanten gefährden können. Der Anblick der grünen Netze bietet sich uns sogar noch öfter als der der Bauschilder, die an Baulücken neue Projekte vorstellen. Riga scheint es gut zu gehen! Es wird gebaut, die Wirtschaft funktioniert, die Menschen geben Geld aus. Auf Erdniveau reihen sich die Cafés und Konditoreien aneinander. Nirgends ist es voll aber auch nirgends gähnend leer. Man könnte den Eindruck gewinnen, in Riga isst man nur Kuchen. Nicht nur, dass sich die feinsten Konditoreien zu Hauf zwischen die vielfältigen Cafés drücken, man findet in den Supermärkten ganze Kuchenregale voll mit den hübschesten Gebäcken.

Überleben

Während Lebensmittel in den Supermärkten Preise wie in Deutschland haben, finden wir auf den Märkten ein etwas anderes Bild. Die Passanten neben uns sind weniger gut gestylt und mehr Bettler sitzen am Straßenrand und hoffen auf Almosen. Abseits des Marktes am alten Hafen geht es weniger glamourös zu als in der hippen Altstadt. Die betagten Damen, die Obst und Gemüse feilbieten, frieren erbärmlich und sind dennoch recht gut gelaunt. Obst und Gemüse hat hier utopisch niedrige Preise. Ein Kilo Paprika kostet 20 Cent, Granatäpfel groß wie Kinderköpfe kosten 40 Cent; Hier gibt es alles von Knoblauch über Sonnenblumenkerne bis Karotten. Es spricht auch nicht jeder Englisch, hier ist das Leben nicht so schön – Nur 20 Gehminuten entfernt von der hübschen Altstadt. Die Tauben und Spatzen lassen sich durch Passanten, Fotografen und Verkäufer nicht davon abhalten, die Kerne aus den Tüten am Stand zu picken. Vom Weltkulturerbe der UNESCO ist hier nicht viel zu spüren. Riga droht die Aufnahme von 1997 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbe auch wieder zu verlieren, da die geplanten Hochhäuser am linken Düna-Ufer das Stadtbild nachhaltig beeinträchtigen würden.
Das beklemmende Gefühl wird noch stärker, als unser Blick auf die Akademie der Wissenschaften fällt. Der Sowjetbau mit den bedeutungsschweren Symbolen Hammer und Sichel erhebt sich mahnend und monströs über die Stadt und macht einem wieder deutlich, wie klein und unbedeutend man doch ist. 108 Meter reckt sich das Hochhaus im sozialistisch klassizistischen Stil in die Luft. Es ist das erste Hochhaus seiner Art, das mit Betonfertigteilen errichtet wurde. Durch die Verkleidung mit Natur- und Kunststeinen ist von seiner eigentlichen Konstruktion aber nicht mehr viel zu erkennen.

Adieu und auf Wiedersehen!

Riga hat uns freundlich und hilfsbereit empfangen, uns seine wunderschöne Altstadt gezeigt und in uns den Wunsch geweckt, im Sommer oder Herbst nochmal eine Reise ins Baltikum zu planen. Auffallend waren gut funktionierende Plätze, viele Grünflächen und die unzähligen Cafés, Konditoreien und (oha!) Lampenläden in allen Preiskategorien.

Warst du schon mal in Riga? Hattest du ähnliche oder gänzlich andere Eindrücke?


Dieser Bericht ist zwar nicht ausdrücklich für das Projekt entstanden, aber wurde doch von den Magic Letters I wie Innen von Paleica inspiriert.

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About the Author

raumzeichner Julia ist #Absolventin #Architektin #Denkmalschützerin #Urbanistin #OnlineRedakteurin und einiges mehr. Sie hat jahrelange Erfahrungen in Fachschaften und Gremien gemacht, und arbeitet jetzt als Architektin, während sie alle Informationen aus den Bereichen Denkmalpflege und Urbanität wissbegierig in sich aufnimmt und mit euch teilt.

Comments (3)

    • raumzeichner

      Hey Michelle,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Eine Reise nach Riga kann ich wirklich nur empfehlen. Das lohnt sich ;)
      Beste Grüße,
      Julia

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