21. Mai 2015 raumzeichner

Görlitz | Geliebtes Schmuckstück an der Neiße

Görlitz Reisebericht

Görlitz ist eine Stadt, die jemand so sehr liebt, dass er ihr jährlich eine Million D-Mark spendet. Und alle anderen mögen Görlitz auch, auch wenn sie etwas weniger spendabel sind.

Nach einer Woche Aufenthalt in Görlitz (Sachsen) wird aus den vielen Eindrücken ganz allmählich ein vages Gesamtbild eines städtischen und kulturellen Gefüges.

Bahnhof Görlitz

Ausgehend vom Bahnhof Görlitz in Richtung Altstadt entwickelt sich ein widersprüchliches Bild einer Stadt, die ihr baukulturelles Erbe liebt und schätzt und dennoch allerorten mit dem Zerfall zu kämpfen hat.
Wer den Bahnhof inmitten des pulsierenden Lebens der Stadt vermutet, irrt. An historisch wertiger Position am Ende einer langen, prunkvollen Sichtachse wirkt er bei näherer Betrachtung abgeschottet und vereinsamt. Eine wenig befahrene üppige Straße, die sicher ausreichend Platz für viele schmucke Kutschfuhrwerke geboten hat, ist inzwischen zerschnitten von Straßenbahnschienen. Als Fußgänger fühlt man sich ungewollt und abgeschnitten von der Stadt, die man besuchen möchte. Die wertigen Ausformungen im und am Bahnhof haben den Besucher zuerst glauben lassen, in eine einladende Stadt zu treten. Verlässt er die Bahnhofshalle in Richtung Stadt, sieht er sie in vermeintlich weiter Ferne und sein Blick sucht sogleich die strahlend gelben Taxen zu seiner Rechten. Die Schneise, die durch Schienen und PKW-Verkehr zwischen den Bahnhof und die Stadt geschlagen wird, erscheint nur allzu abweisend. Als wolle Görlitz vermeiden, dass man die Schönheit dieser Stadt doch noch entdecken kann.

Sog in die Stadt

Lässt man sich von der Sichtachse in die Stadt ziehen, säumen auf beiden Seiten verkommene, leerstehende Stadthäuser die Straße. Verlorene Sitzbänke stehen auf den breiten Gehwegen und der Verkehr ist so ruhig, dass man ohne Zögern über die Straßenbahnschienen läuft, während man von einer Straßenseite zur anderen wechselt, um die verstreuten schönen Fassaden zu betrachten.
‚Zu verkaufen‘ reiht sich neben ‚zu vermieten‘ und subversive Geschöpfe schrieben mit den Fingern die Frage in den Staub der Verbretterung, wann denn ‚ihr Merkur zugemacht‘ hätte. ‚Freier Wohnraum für alle‘ wird da gefordert während andere Häuser ihren braocken Schmuck stolz in die Frühjahrssonne recken.

Soziales Leben in der Stadt

Mit einem prunkvollen Portal, an dem sich Jugendstilschönheiten (oder doch ein anderer Stil?) sonnen, läd die Straußberg-Passage ein, zu flanieren und in den teuer anmutenden Läden viel hart erarbeitetes Geld zu lassen. Zugegeben, die Passage hat ihren Namen verdient und läd wirklich ein, hinein zu gehen. Romantisch anmutend recken sich in Reih und Glied die Ladenschilder in den Luftraum über den Köpfen und anmutig hängen grüne Banner von der Decke. Alles ist sauber und Lichtdurchflutet und trotzdem schafft es kein Laden, mein Interesse zu wecken.
Wieder raus und der Sichtachse weiter folgend erscheint das Café Central, das den Platz vor sich bemerkenswert gut nutzt. Tischgruppen mit Sonnenschirmen verteilen sich auf einen dreieckigen Platz zwischen Straßenbahnschienen und wirken doch so einladend, dass man sich fragt, wie sie das wohl hinbekommen haben. So ein unwirtlicher Ort mit Schienen und Straßen läd doch sonst auch nicht zum Verweilen ein. Hier schon.

Hohe-Str. / Christoph-Lüders-Str Görlitz

Manch ein Platz in Görlitz ist gesäumt von vielerlei schönen Fassaden. Die alte Post beispielsweise steht an einem wunderschönen Platz, der sogar im kühlen März schon Passanten dazu einlädt, mit einem warmen Kaffee auf den Bänken Platz zu nehmen und ein Schwätzchen zu halten.
Das alte Kaufhaus Görlitz wird gerade renoviert, wie die Beschilderung angibt. Währenddessen steht dahinter, fast verschämt im Eck, ein neues Einkaufszentrum, dessen Schönheit zweifelhaft ist aber dem modernen Bild von Einkaufszentren zu entsprechen scheint. Es erinnert an das, das gerade in Kaiserslautern gebaut wurde. – In 80 Jahren finden wir das vielleicht auch schön. Das menschliche Auge braucht eben seine Zeit, um sich an etwas zu gewöhnen.
Ganze Straßenzüge in Görlitz sind herausgeputzt und saniert, während viele andere komplett verwahrlost wirken und die Häuser beinahe auseinander zu fallen scheinen.

Verfall und Restauration

Neben barocken Fachwerkhäusern finden sich in Görlitz auch gotische Stadthäuser aus Stein, die stolze Plaketten tragen, die verkünden, dass hier einmal Napoleon gewohnt hat. Leider ist dieses Gebäude momentan nicht mehr sehr repräsentativ und bedarf einiges an Pflege.
Sehr gut gepflegt hingegen sind die Görlitzer Kirchen, die einen Besuch und den dazugehörigen Eintritt allemal wert sind.

Barock, Renaissance, Gotik und mehr.

Von einer beeindruckenden Fassade zur nächsten hangelnd verliert man sich staunend in den verworrenen kleinen Straßen in Görlitz. Mal findet man sich vor einem grandiosen barocken Stadthaus wieder und dann vor einem Stück Renaissancekultur. Freskenmalereien reihen sich neben getönte Putze, Kratzputze oder Fassaden, die gänzlich aus Stein gemeißelt sind. Für Architekten und Denkmalschützer ist Görlitz ein Fassaden-Paradies. Einen nicht unbedeutenden Teil dazu trägt der anonyme Spender bei, der seit langem jährlich eine halbe Million Euro spendet. Damit können so einige Baumaßnahmen umgesetzt werden und viele Bauwerke nicht nur saniert sondern vor allem erstmal gesichert werden. Eines der wichtigsten Anliegen der Denkmalpflege ist das Erhalten der bestehenden Substanz, damit diese dann ggf. später wieder hergerichtet und genutzt werden kann. Der Verlust eines Denkmals ist unumkehrbar und bedeutet den Verlust von Wissen und Kultur.

Bilderbuch der Architektur-Stilkunde

Görlitz ist ein Bilderbuch der Architektur-Stilkunde. Mit einem guten Architekturführer kann man so am gebauten Beispiel eine Menge über Architektur lernen. Ein uns empfohlenes Werk dazu ist der Görlitz Architekturführer von Frank Vater*. Mit reichlich Bildern und erläuternden Texten ist es ein schönes Werk, das mit viel Sorgfalt und Liebe erstellt wurde. Viele Fotos sind beeindruckend schön und weisen eine Qualität auf, die für Reiseführer überdurchschnittlich ist.

Warst du schon mal in Görlitz und hast du es gar auf die polnische Seite geschafft? Wie fandest du es dort?

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About the Author

raumzeichner Julia ist #Absolventin #Architektin #Denkmalschützerin #Urbanistin #OnlineRedakteurin und einiges mehr. Sie hat jahrelange Erfahrungen in Fachschaften und Gremien gemacht, und arbeitet jetzt als Architektin, während sie alle Informationen aus den Bereichen Denkmalpflege und Urbanität wissbegierig in sich aufnimmt und mit euch teilt.

Comments (3)

  1. Hallo Julia,
    ich war schon drei Mal in Görlitz und ich war auch schon auf der polnischen Seite. Wer dort nicht Essen geht ist selber Schuld. Total lecker und super günstig.
    Die Art und Weise wie du die Stadt beschreibst ist echt spannend. Die Fassaden sind wirklich faszinierend und die Gegensätze sind echt krass.
    Hast du auf dem Obermarkt und Untermarkt dieses Rote Renaissance-Haus und das Bibelhaus gesehen?

    Görlitz hat ja nicht nur ne tolle Architektur, sondern auch viele super süße Boutiquen und was auch sehr empfehlenswert ist: die Kneipennacht. Diese kleine Stadt hat vermutlich so viele Kneipen wie Dublin Pubs.

    Außerdem bin ich letztes Jahr fast ausgeflippt als ich den Kinofilm Budapest Hotel gesehen habe und fast alle Locations in Görlitz wiedererkannte.

    Da du Görlitz schon so schön wiedergibst würde mich ja interessieren, was du bei Greiz sagst ^^ das besitzt die größte zusammenhängende Jugendstilfassaden in Europa (was man gar nicht vermutet, da man sowas eher Wien zuschreiben würde)

    Liebe Grüße
    Lydia

    • raumzeichner

      Hey Lydia,
      danke für deinen tollen Kommentar :)
      Wow, du kennst dich ja in Görlitz echt ziemlich gut aus. Ich war ja erst eine Woche dort. Leider hatte ich für Boutiquen und Co gar keine Zeit, weil ich auf Schulung war und daher jeden Tag volle Action hatte.

      Ich muss mal wieder nach Görlitz, wenn ich etwas mehr Zeit habe. In Wien war ich übrigens auch schon viel zu lange nicht mehr. Das sollte dringend mal wieder aufgefrischt werden :D

      Sonnige Grüße,
      Julia

  2. Angelo

    Hallöchen,

    erstmal ein kleines Dankeschön, dass ich zum ersten mal ein objektiven, neutralen Bericht über Görlitz lesen darf, dessen Kernaussage nicht „Görlitz hat schöne Fassaden, mehr aber auch nicht“ ist. Das einzige, was ich an der Stelle als Görlitzer kritisieren würde ist, dass kaum Bezug über die Hintergründe der derzeitigen Zustände genommen wird (Was wohl an der fehlenden Zeit liegen könnte).

    Abgesehen davon sind ein paar Fehlerchen vorhanden. Zum Beispiel handelt es sich bei der Passage nicht um die „Straßberg-“ oder „Straußberg-“ sondern um die Straßburg-Passage und ja, sie wurde im Jugendstil erbaut ;). Das Cafè heißt Cafè Schwerdtner, zu DDR-Zeiten hieß es Cafè Central. Das Kaufhaus ist das ehem. Karstadt-Kaufhaus (ist ja 2009 in Insolvenz gegangen) und ist das eizigste Kaufhaus im Jugendstil in Deutschland. Es soll nächstes Jahr als „Kaufhaus Görlitz“ wiedereröffnet werden.

    Das „Rote Renaissance-Haus“ was Lydia meint, ist übrigens der Schönhof, welcher,wie im Artikel genannt, einen Teil des schlesischen Museums beherbergt und Deutschlands ältester Renaissancebau ist.

    Desweiteren kann ich nur einen Besuch auf dem Görlitzer Altstadtfest und dem Schlesischen Christkindelmarkt empfehlen. Aus architektonischer Sicht ist natürlich die ganze Stadt sehenswert, jedoch ist die Peterskirche ein Highlight, denn sie vereinigt 4 Baustile in sich, die ihr das einmalige Aussehen verleihen.

    schöne Grüße
    Angelo

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