14. November 2014 raumzeichner

Das Fernweh des Architekten.

Das Fernweh des Architekten - Artikel

Wer lernen will, muss reisen.

Architekten und Städtebauer sind nicht die einzigen, die das Reisen lieben, doch gerade diese beiden Berufe können kaum anders lernen. Man lernt am besten mit allen Sinnen. Architekten und Städtebauer beschäftigen sich mit Gebäuden, Plätzen, ganzen Städten. Ihre Passion sind urbane Strukturen und die wollen sie verstehen, damit das Wissen der früheren Generationen rekonstruiert und angewandt werden kann.

Reisen zum Studieren

Warum wirken manche Plätze einladend und heimelig während andere offen und abweisend erscheinen? Ist nicht unser aller Anliegen, offene und weitläufige Plätze in Städten zu haben um urbanes Leben zu pflegen? Nein, ganz so einfach ist es nicht. Es gibt viele Parameter, warum ein Platz wirkt und funktioniert. Dabei reicht es nicht, von Plätzen und ihrer wunderbaren oder schrecklichen Ausstrahlung zu lesen und darüber zu diskutieren. Als Diskussionsgrundlage dient einzig die eigene Erfahrung und das eigene Empfinden.
Das gleiche gilt für Gebäude. Es reicht nicht, über Sinn und Unsinn von Grundrissen und Raumfolgen zu diskutieren, wenn man das Ambiente nicht erlebt hat. Gebäude können durchaus unwirtschaftlich geplant worden sein und erfüllen dennoch jeden gewollten Zweck, wenn sie nur die richtige Stimmung im Besucher hervorrufen.
Ob es repräsentierende Treppenkonstruktionen sind oder gemütliche private Galerien, es kommt auf die verwendeten Materialien an, auf das natürliche Licht, die künstliche Lichtführung, auf Haptik, Geruch und Schallentwicklung.
So viele Aspekte können nur durch das Begehen und Erleben dieser urbanen oder architektonischen Räume erkannt und verwertet werden.

Der Architekt als Tourist

Als Architekt regt man sich gern über die Touristen auf, die knipsend durch die Städte eilen und an den interessantesten Gebäuden achtlos vorbei rennen. Er ist auch ein Tourist in einer fremden Stadt, aber er geht mit einem völlig anderen Blick hindurch, obwohl er die gleichen Empfindungen hat, wie der ‚gemeine Tourist‘. Eine Reise ist für einen Architekten weniger Erholung, sondern viel mehr eine Schulung.

Rom Siedlung Garbatella

Während andere sich in Cafés amüsieren und der fremden Sprache lauschen, analysiert das Architektenhirn, ob dieser Ort nicht besser hätte konzeptioniert werden können. Regionale Eigenheiten werden erkannt, analysiert und innerlich ausgewertet. Gegenden und Plätze werden miteinander verglichen und Fotos haben einen dokumentarischen Stellenwert.
Während der Otto-Normal-Tourist seine liebsten vor die Linse bekommen will, ist der Architekt froh, wenn möglichst keine Menschen das Bild der ruhenden Stadt stören.

Abseits vom Tourismus

Da Touristenströme immer im Weg rum stehen, flieht der Architekt in abgelegene Gassen!
Nein, natürlich nicht. Aber den Touristen der hürdenhaft auftretenden Spezies „Architekt“ interessieren beispielsweise auch Wohnsiedlungen, die geplanter Maßen entstanden sind. Sie üben die gleiche Faszination wie Plätze aus. Sie funktionieren oder funktionieren nicht. Das Ergründen dieser Qualitäten liegt dem Architekten so im Blut, dass er sich selbst ein Bild davon machen will, und dafür teilweise sogar weit fährt.

Rom Siedlung Garbatella

So machen sich Architekten nicht selten auf in heruntergekommene Gegenden, in denen der Putz nur noch durch die Wäscheleinen an der Wand gehalten wird und die Fensterläden schon längst als improvisierte Tischplatten missbraucht wurden. Wo die Mauersteine nur noch aus reiner Gewohnheit das Dach in die Höhe halten und der Müll durch die Gassen weht, packt den Architekten Wehmut und er will herausfinden, warum die Siedlung nicht mehr so genutzt wird, wie sie einmal sollte. Oft erkennt er noch die erdachten Raumqualitäten, aber Zeit und der Unwille, Gebäude und Straßenzüge zu pflegen, haben auch den besten Entwurfsgedanken verkommen lassen. – Und dann entbrennt in ihm der Wunsch, es später einmal besser zu machen, denn er weiß ja nun, worauf es ankommt. Und wenn nicht, wird er sich noch weitere Tage lang den Kopf zerbrechen, bis er die räumlichen Strukturen mit seinem Geist durchdrungen.

Die Finanzierung der Studienreisen

Während manche Studenten reiche Eltern haben und einfach hin reisen können, wohin sie wollen, ist der Durchschnittsstudent und -architekt gar nicht gut genug betucht, um alles genau so zu machen, wie er gern würde.
Eine Methode, dennoch viel zu reisen ist folgende:
Ab und an gibt es Last-Minute-Angebote von Fluglinien, denn ein günstig verkauftes Ticket ist besser als ein leerer Sitz. Wenn man also spontan ist, kann man zum Flughafen gehen und den erstbesten Flug nehmen. Er wird schon in eine interessante Stadt führen, denn jedes Fleckchen Erde hat irgendetwas an sich, das den Planer interessiert. Man muss nur offen dafür sein. Sogar ‚langweilige‘ Reisen sind Reisen, während denen man etwas lernen kann, denn dann kann analysiert werden, warum diese Orte so wenig ansprechend sind. – Und es dann später besser machen.
Eine weitere Methode ist „Blind Booking“. Man hat einen Preis und sucht sich einen Abflughafen sowie ein Abflugdatum raus. Ein paar Tage später erfährt man dann, wohin die Reise geht. Diese Angebote sind aber schnell ausgebucht und meist begrenzt, man sollte sich also sputen.
Meine erste Blind-Booking Erfahrung wird mich nächstes Jahr nach Riga in Lettland führen. Um auch das Meiste aus dem Trip heraus zu holen, sollte man möglichst bald mit den Recherchen anfangen. Je mehr man über den Ort weiß, den man bereist, desto mehr Interessantes fällt einem auf und desto mehr Nutzen kann man aus der Reise ziehen.

Das immerwährende Fernweh

Städte, die ich bereist habe.

Hier eine kleine Auflistung von Städten, die ich bereist habe oder in denen ich sogar gelebt habe. Diese Liste ist natürlich nicht vollständig und in manche Städte sollte man durchaus auch öfter mal fahren. Die Erinnerungen verblassen langsam und durch neue Erfahrungen lassen sich neue Eindrücke sammeln.

Bewohnt:

  • Berlin (geboren und aufgewachsen)
  • Nürnberg (2007-2008)

Bereist:

Deutschland:

  • Rothenburg ob der Tauber
  • Mannheim
  • Frankfurt am Main
  • Leipzig
  • Hamburg

Ausland:

  • Venedig (Italien, 2004)
  • Amsterdam (Niederlande, 2007)
  • Prag (Tschechien, 2009)
  • Paris (Frankreich, 2010)
  • Zürich (Schweiz, 2011, …)
  • London (UK, 2011, 2012,…)
  • Karnity (Polen, 2011)
  • Kaliningrad (Kaliningrad, 2011)
  • Kopenhagen (Dänemark, 2011)
  • Rom (Italien, 2012)
  • Santander (Spanien, 2012)
  • Bern (Schweiz, 2013, …)

Orte, die ich noch bereisen möchte oder werde.

Wünsche:

  • Seoul & Busan (Südkorea)
  • St. Petersburg (Russland)

Pläne:

Deutschland:
  • Köln
  • Bonn
  • Görlitz
Ausland:
  • Riga (Lettland, Anfang 2015)

 


Dieser Beitrag ist ein Teil der Fernweh-Blogparade.

 

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About the Author

raumzeichner Julia ist #Absolventin #Architektin #Denkmalschützerin #Urbanistin #OnlineRedakteurin und einiges mehr. Sie hat jahrelange Erfahrungen in Fachschaften und Gremien gemacht, und arbeitet jetzt als Architektin, während sie alle Informationen aus den Bereichen Denkmalpflege und Urbanität wissbegierig in sich aufnimmt und mit euch teilt.

Comments (7)

  1. Vielen Dank für Deinen Beitrag zu meiner Blogparade – interessant, die Architektensicht! Magst Du vielleicht noch einen Kommentar auf meiner Blogparadenseite hinterlassen, sodass auch andere Dich finden?

  2. Das ist wirklich ein interessanter Beitrag und in einigen Punkten habe ich mich da auch drin wiedergefunden.
    Bei mir geht es dabei dann weniger um Gebäude, sondern m Werbetafeln, Zeitungen und Zeitschriften, aber das Prinzip ist das gleiche.

    Anfang Dezember bin ich ein paar Tage in Prag. Da ich da nicht wie die ignoranten Touristen an den architektonisch interessanten Gebäuden vorbeilaufen möchte, und Du ja schon mal da warst: Hast Du ein paar Tipps, welche Gebäude man aus Architektensicht in Prag gesehen haben muss?

    • raumzeichner

      Hey Arne,
      ich beneide dich um deinen Prag-Besuch :)
      Was du unbedingt sehen musst ist die Burg und die Karlsbrücke. Aber die stehen auch in jedem Reiseführer. Und wenn nicht, ist er keinen Pfennig wert ;)

      Ansonsten ist ein ziemlicher Hingucker das Tanzende Haus von Frank Gehry (http://bit.ly/1GWXDU5).
      Am Nationalmuseum konnte ich mich auch nicht sattsehen und mit der Standseilbahn kann man auf einen Berg gondeln. (http://bit.ly/1BpzrcA) Wir sind damals allerdings gelaufen, weil wir noch knausrige Studenten waren. Von da kann man dann auf die Stadt sehen, was sich natürlich gerade abends anbietet.

      Ich wünsch dir viel Spaß in Prag!

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