22. Januar 2015 raumzeichner

Bau Eins in Kaiserslautern. Ein Raumgefühl.

Raumgefühl Bau Eins Kaiserslautern
Das Gebäude mit dem bemerkenswert unarchitektonischen Grundriss nennt sich in weiten Teilen der Studierendenschaft einfach nur „Bau Eins„. Es ist Universitätsgebäude 1, auch wenn es in der Pfaffenbergstraße 95 steht und vom regulären Campus abgeschottet ist. Diese Abgeschottenheit bedingt auch, dass Bau Eins von den meisten anderen Studenten gar nicht im Alltag wahrgenommen wird.
Dieser Umstand verstärkt noch das Phänomen, dass die Studierenden von hier immer ein wenig als „komisch“ abgetan werden.

Bau Eins in Kaiserslautern

Kein Wunder, denn hier lernen die Architekten (unter anderem). Und das gerne mal bis zum Morgengrauen. Die beiden Räume, in denen sie das tun, sind von der Straße auch hervorragend zu sehen, damit auch jedem Studenten, der Donnerstag Nachts von der Uni -Party in die Stadt heim taumelt bösartig vor Augen geführt wird, dass es noch Studenten gibt, die um diese unchristliche Uhrzeit arbeiten. Die beiden Arbeitsräume sind Dreh- und Angelpunkt für die Architekten in Bau Eins. Grund- und Hauptstudium werkeln getrennt an ihren Projekten und verbringen teilweise bis zu 90% des Semesters hier. Ab und zu geht man mal zum Duschen heim. Verpflegung erfolgt durch Pizzadienste, den Süßigkeiten-Automaten im Eingangsfoyer oder den kleinen Kiosk, der von 9 bis 14 Uhr geöffnet hat und belegte Brötchen verkauft. Einen klitzekleinen Einblick in das Arbeitsraum-Leben habe ich bereits im Artikel „A wie Anfangen“ gegeben.

Der „Kleine Campus Pfaffenberg“ wird vom Rest-Campus durch ein Stückchen Pfälzer Wald getrennt, der die ganze Uni umgibt.

Google Maps Bau Eins

Geschichte

Sagenumwoben und doch ganz schlicht. Schmunzelnd wird den Erstsemestern während ihrer ersten Tage berichtet, dass Bau Eins in seinem ersten Leben die „Pädagogische Akademie Kaiserslautern“ war. Hier hatte man also schon immer mit etwas verschrobenen Menschen zu tun. Im Laufe der Zeit veränderte sich das Bild des Gebäudes. An den Hauptteil wurde ein gläserner Annex gehängt, der einer der inzwischen wichtigsten Bestandteile des Gebäudes ist.

Aufteilung

Betritt man das Gebäude durch den Haupteingang befindet man sich in einem trist wirkenden Foyer mit besagtem Süßigkeiten-Automaten. Daneben findet sich der Kaffee-Automat und beide stehten schüchtern versteckt unter der Treppe, die hinauf führt ins eigentliche Foyer. Doch bevor wir die Treppe hinauf steigen, wenden wir uns nach Rechts und sehen dort, unauffällig und meist verschlossen die Tür zum Fachschaftsraum.

Jetzt mag ganz klar erscheinen, dass es sich um die Fachschaft der Architekten handelt, aber falsch gedacht. Obwohl es laut Uni-Vorschriften gar nicht möglich ist, gibt es in Bau Eins das räumliche Paradoxon, dass zwei Fachschaften sich einen Raum teilen während andere Fachschaften halbe Wohnungen in der Uni zur Verfügung haben.
Im Jahre 2008 gehörten die drei Fachschaften Architektur, Raum- und Umweltplanung sowie Bauingenieurwesen noch zusammen und bildeten den Fachschaftsrat ARUBI. Dann trennten sich vor einigen Jahren die Fachbereiche und zerrissen die Fachschaft. Die neue Fachschaft BI zog in neue Räume in einem anderen Gebäude, während A und RU noch weiterhin darauf warten, von ihren Dekanen vernünftige Räume zu bekommen.
Zur Zeit der Trennung war ich übrigens vorerst stellvertretende Fachschaftssprecherin von ARUBI und danach Fachschaftssprecherin der Architektur. Wer also Fragen zu Fachschaften hat, darf sie gerne stellen.

Räume

Im ersten Stock, der Hauptebene des Gebäudes befinden sich die beiden Arbeitsräume für die Studierenden der Architektur. Im „Glaskasten“ studiert das Grundstudium und im „Großen Arbeitsraum“ werkeln die „Großen“ an ihren Entwürfen. Die Großen sind diejenigen, die im Hauptstudium sind und somit das Vordiplom schon in der Tasche haben.

Flur zum Großen Arbeitsraum

Ja, in Bau Eins gibt es noch immer das Diplom. Eine einsame kämpfende Exklave der Architekturfakultäten, die eisern am Diplom festgehalten hat und dem Bachelor-Master-System nicht viel abgewinnen kann.
Der Große Arbeitsraum erstreckt sich entlang des langen Flures, in dem auch viele Lehrgebiete untergebracht sind. Dort finden sich neben einer Teeküche und oft überschwemmten Toiletten die Lehrstühle der Baukostruktion.

Am Ende des Flures befindet sich ein zweites Treppenhaus, an dem sich die Hörsäle befinden und von dem aus man auch in den Teil des Kellers kommt, in dem sich die Kunstwerkstätten befinden. Hier wird mit Ton und Blei hantiert, mal ein Stein beschlagen oder Beton gegossen.

Dementsprechend wehen hier die verschiedendsten Düfte durch die unterirdischen Räume, während es in den Arbeitsräumen meist nach Holzleim riecht.
Steigt man die Treppe bis nach oben, kommt man in einen weiteren Flur mit Lehrgebieten. Dort sind unter anderem Städtebau und Gebäudelehre angesiedelt, die auch ihre eigenen Besprechungsräume haben, in denen oft die Korrekturen und selten auch Vorträge stattfinden.
Dieser Flur mündet wiederum in der vertikalen Fortsetzung der unteren Foyers und verbindet insgesamt 3 Flure mit einem weiteren sehr wichtigen Raum im Glaskasten.
Hinter diesen Türen finden vom ersten bis zum letzten Tag der Architektenausbildung wichtige Termine statt. In großen Korrekturgruppen werden hier die Entwürfe in den Fächern Baukonstruktion 1 sowie des Entwerfens besprochen. Darstellende Geometrie und andere Zeichenübungen quälen hier die Studenten mit Geodreieck und Maßstab. Einige der Klausuren werden hier geschrieben und schlussendlich verteidigen die Diplomanden hier vor der gesamten Professorenschaft ihre Diplomarbeiten.

Aktivitäten

Für die einen ist Bau Eins der Ort, an dem sie fast Tag und Nacht verbringen, in dem sie die Höhen und Tiefen ihrer Ausbildung durchleben, in denen es Freudentänze und Enttäuschungstränen gibt, in denen Zukunftspläne zerschlagen und Hoffnungen geweckt werden, Freundschaften entstehen und Feindschaften ausgetragen werden… für die anderen ist Bau Eins das Gebäude, in denen sie ihr Hobby erleben können. Einer der Hörsäle wird mehrmals die Woche aufgrund seines tanzbaren Parkettbodens von den Tanzkursen eingenommen. Von Foxtrott bis Wiener Walzer lernen Interessierte hier in mehreren Könnensstufen den sicheren Auftritt auf dem Parkett, inklusive Turnieren, bei denen die Teilnehmer um Medaillen kämpfen.

Dieser Beitrag ist inspiriert worden durch den Aufruf auf Stadtsatz, an der Blogparade #Raumgefühl teilzunehmen. Ein Artikel über die ewig schwarz tragenden Architekten ist dort schon von mir erschienen und demnächst wird es hier auch ein paar Worte von Anett von Stadtsatz zu lesen geben.

Kurz nach dem Studium bietet sich kaum etwas so sehr an, wie über das Gebäude zu sprechen, in dem man die letzten 6 Jahre die meiste Zeit verbracht hat, in dem man die stärksten Emotionen erlebt hat und das zum zweiten Zuhause geworden ist. Denke ich an Bau Eins zurück, wecken die Erinnerungen gemischte Gefühle bei mir. Einerseits ein tief steckender Groll wegen diverser nicht nachvollziehbarer Noten, wie sie wohl jeder Student aus seinem Studienalltag kennt. Andererseits die Erinnerung an die Freundschaften, die durch manche durchgearbeitete Nacht entstanden sind. So blieb es denn nicht nur bei nächtlichen Arbeitskollegen und gemeinsamen Pizzabestellungen sondern weitete sich aus auf enge Freundschaften, in denen man sich sogar freiwillig die eine oder andere durchfeierte Nacht um die Ohren geschlagen hat.
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About the Author

raumzeichner Julia ist #Absolventin #Architektin #Denkmalschützerin #Urbanistin #OnlineRedakteurin und einiges mehr. Sie hat jahrelange Erfahrungen in Fachschaften und Gremien gemacht, und arbeitet jetzt als Architektin, während sie alle Informationen aus den Bereichen Denkmalpflege und Urbanität wissbegierig in sich aufnimmt und mit euch teilt.

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